Exkursion der BG Aachen am 19.08.2025
Heutzutage ist es der perfekte Ort für ein Digital-Detox-Hotel: Rein in den Bunker, Tür zu und der Rest erledigt sich von selbst – denn ist man erst einmal im Bunker, ist der Handyempfang weg. Für uns war das allerdings nicht so schlimm, denn so hatten wir zwei Stunden ohne Ablenkung mit Herrn Funke, der uns die Zeit des Zweiten Weltkriegs anschaulich vor Augen führte.

Wir blicken zurück auf das Jahr 1940: an allen Fronten wird gekämpft. Im September 1940 fallen die ersten Bomben auf Berlin und mit dem Führer-Sofortprogramm beginnt die Planung für den Bau von 3.000 Luftschutzbunkern. Mit der Umsetzung wurde die Organisation Todt beauftragt, die auch andere Schutz- und Rüstungsprojekte umsetzte. Aachen gehörte zur höchsten von drei Schutzkategorien für Städte. 36 Bunker waren in der Stadt geplant, von denen 16 gebaut wurden. Im Gegensatz zu anderen Bauwerken, die “von der Stange“ gefertigt wurden, ist jeder Bunker ein Unikat.
Geld stellte kein Problem dar. Und geeignete Bauplätze ließen sich ebenfalls organisieren (man enteignete einfach wohlhabende Juden und deportierte sie). Personal zu finden, war ebenfalls kein Problem, schließlich hatte man reichlich Arbeitslose, Fremdarbeiter aus eingenommenen Gebieten, jüdische, polnische und russische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.
Der Bunker in der Scheibenstraße wurde von Zwangsarbeitern aus einem Lager in Laurensberg errichtet. Das bedeutete: zu Fuß bis zur Scheibenstraße laufen, 14 Stunden arbeiten und dann zurücklaufen. Das Ganze bei schlechter Ernährung. Und wenn Arbeiter starben war es einfach, sie zu ersetzen, es gab ja reichlich von ihnen. (Eine erschreckende Zahl: von 12 Mio. Zwangsarbeitern kehrten 3,3 Mio. nur nach Hause zurück.)
Das Material war schon schwieriger zu organisieren, schließlich braucht es für einen Bunker reichlich davon (ein Rechenexempel sagt, dass der Bunker Scheibenstraße um die 17.500 t wiegt). Durch Zementwerke, die in Polen eingenommen wurden, gab es aber auch hier Nachschub.





Und als der Bunker fertig war? Etwa 1.300 Menschen fanden währende der 1.000 Bombennächte Aachens im Bunker an der Scheibenstraße auf drei Ebenen Schutz (in 1.080 Betten und auf 245 Sitzplätzen). Der Keller war nicht als Schutzraum geeignet, da er Zugang zu den Flak-Stellungen auf dem Dach bot (auch wenn nicht sicher ist, ob diese genutzt wurden). Klingt viel, aber die Bunker boten nur einem Bruchteil der Bevölkerung Schutz. Alternativ gab es Luftschutzkeller. Um in einen Bunker hineinzukommen, brauchte man einen Bunkerausweis. Um den zu bekommen, musste man einen Ahnenpass mit drei Generationen arischer Vorfahren nachweisen und in einem Umkreis von 600 m um den Bunker leben. Warum 600 m? Weil man bei Luftalarm nur sieben Minuten Zeit hatte, um in den Bunker zu kommen. Danach wurden die Türen verschlossen.
Für die heutige Generation, die mit WhatsApp und Warnapps aufwächst, ist es kaum vorstellbar, dass damals die einzigen Informationsquellen der allgegenwärtige Volksempfänger (sprich: Radio) und Zeitungen waren, die über die “allgemeine Luftlage“ informierten. In der ursprünglichen Bauform konnte nur der Bunkerwart die Lüftungsöffnungen öffnen, die unter Schwalbenschwänzen in der Außenwand saßen. Später wurde die Lüftung umgebaut, und eine Lüftungsanlage im Keller sog die Frischluft durch den 15 m hohen Schornstein in das Gebäude.
Heutzutage versorgt natürlich eine modernere Lüftungsanlage das Gebäude mit Frischluft, aber ein Test an alten Kurbeln der ursprünglichen Lüftung zeigt: das ist keine Beschäftigung, die ein geschwächter Mensch lange durchhält.
Während unseres Rundgangs kamen wir auch durch den “Kindergarten“, der der Beschäftigung und Ablenkung der Kinder diente. Heute denkmalgeschützte Bilder auf den Wänden zeigen unter anderem Fenster, die den Schutzsuchenden zumindest eine Illusion von der Außenwelt vermittelten.
Etliche Karten bebilderten die geschichtlichen Daten des Krieges und dann auch des Kriegsendes:
- 06.06.1944: D-Day
- 02.09.1944: Die Alliierten erreichen die Reichsgrenze vor Aachen, bleiben aber am Westwall stehen.
- 11.09.1944: Heinrich Himmler kommt nach Aachen und behauptet, es bestünde kein Grund für eine Evakuierung der Stadt. Aber noch in der Nacht gibt es einen Evakuierungsbefehl an die Oberen.
- 12.09.1944: Die 35.000 Zivilisten sollen nun doch evakuiert werden, aber es gibt keine Transporte, also sitzen die Menschen in der Stadt fest.
- 14.09.1944: Teile der Stadt sind schon befreit (im Südosten bis etwa Grauenhof), aber die Innenstadt, der Westen und Norden noch nicht. Die Zange schließt sich langsam um die Stadt.
- 02.10.1944: Die Alliierten erreichen die Grenze zum Stadtzentrum. Die etwa 10.000 Zivilisten in der Stadt bleiben ab jetzt in den Bunkern und Luftschutzkellern.
- 13.10.1944: Den Deutschen wird ein Ultimatum zur Kapitulation gestellt. Aber diese lassen es verstreichen. Dann aber zieht sich die Zange um den Lousberg zu.
- 21.10.1944: Kommt es endlich zur Kapitulation und Aachen wird als erste Stadt auf Reichsgebiet befreit. 2.000 Soldaten gehen in Gefangenschaft und jeder Bunker und Keller wird von den Alliierten geöffnet.





Was die Soldaten nach 19 Tagen, die die Zivilisten in den Bunkern verbracht haben, vorfinden, ist grauenhaft: Im Bunker Scheibenstraße leben nur noch 998 von 1.300 Menschen. Bei Temperaturen von 10 Grad, nicht genug Wasser und Nahrung – von unzureichenden sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen – kein Wunder. Den Soldaten, die die Bunker- und Kellertüren öffnen, schlägt ein unvorstellbarer Gestank entgegen.
Die Überlebenden werden in die Lützow-Kaserne gebracht, erfasst und notfallmäßig versorgt. Aber dort können sie nicht lange bleiben, dann müssen sie zurück in eine Stadt, die zu 60 % zerstört ist.
3,5 Mio. m³ Schutt müssen aus der Stadt geschafft werden. Dazu wird auch die Lorenbahn von Deubner eingesetzt. Kaum jemand hat noch ein Dach über dem Kopf, und es steht ein strenger Winter mit Temperaturen von -20 Grad bevor.
Neben Suppenküchen kommen jetzt wieder die 16 Bunker zum Einsatz: Sie werden in 3 x 3 Meter große Abteile unterteilt und als Unterkünfte vermietet. Immerhin sind es im Bunker 8 Grad warm, im Vergleich zu den eisigen Temperaturen draußen ein Luxus. Es gibt eine warme Mahlzeit am Tag (Standardzutat: Steckrüben) und im Keller gibt es eine Wärmestube, die als einziger Raum beheizt ist. 94 Familien wohnen nach dem Krieg über Jahre (!) im Bunker Scheibenstraße. Unter Bedingungen, die sich die nachfolgenden Generationen nicht vorstellen können.
Unsere Führung durch den Bunker endete mit dem Eindruck, dass Herr Funkes Erzählungen – oft bezogen auf einzelne, beispielhafte Schicksale – uns noch einmal einen ganz anderen Blick auf den 2. Weltkrieg und das Leben unserer Eltern oder Großeltern zu dieser Zeit eröffnete, und auf dramatische Lebensumstände, von denen wir nur hoffen können, dass kommende Generationen davon verschont bleiben.
Bei wem wir jetzt das Interesse an einer Führung geweckt haben – hier finden Sie mehr Informationen.